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Vic Tandy discovered the ghost in the machine

Vic Tandy discovered the ghost in the machine

 INFRASCHALL

DIE FREQUENZ DER ANGST

Die Sirene in „Silent Hill“, das Krächzen jenes Geister-Mädchens in „Der Fluch“, unbekannte Stimmen im nächtlichen Wald – es gibt Geräusche, die gehen durch Mark und Bein. Aber so richtig unheimlich wird es in dem Bereich, den das menschliche Ohr gar nicht mehr hören kann. Frequenzen unterhalb von 20 Hz können Nervosität, Unruhe und Angst auslösen… und treten oft an jenen Orten auf, die als von Geistern heimgesucht gelten.


In den späten 90ern tüftelt Vic Tandy an Geräten herum, die im Operationssaal und auf der Intensivstation von Krankenhäusern zum Einsatz kommen, um narkotisierte oder komatöse Patienten am Leben zu erhalten. Der britische Ingenieur ist in der Werkstatt einer Firma beschäftigt, die sich genau darauf spezialisiert hat. Als fleißiger Mitarbeiter macht er öfters Überstunden – und bei einer dieser Gelegenheiten ereignet sich etwas sehr merkwürdiges.


Vom Schreibtisch kann Vic die Tür sehen. Er hat sich von allen Kollegen verabschiedet, die hinaus gegangen sind. Plötzlich überkommt ihn ein beklemmendes Gefühl der Nervosität. Obwohl ihm eher kalt ist, fühlt er Schweiß auf der Stirn. Sind es die Überstunden? Die gespenstischen Geräusche aus den Eingeweiden der verlassenen Produktionsanlage? Oder etwa die Gasflaschen hier in der Werkstatt, in denen zu Versuchszwecken auch verschiedene Narkosemittel gelagert werden? Deren Ventile prüft Vic jetzt, denn so merkwürdig hat er sich noch nie gefühlt. Aber alles ist so, wie es sein sollte. Also doch nur die Nerven? Mit einer Tasse Kaffee setzt er sich wieder an seinen Schreibtisch. Kurz darauf stellen sich seine Nackenhaare auf und mit einem kalter Schauer im Rücken wird ihm klar, dass er nicht allein ist. Er fühlt sich beobachtet. Und zwar von etwas, dass sich jetzt am Rande seines linken Gesichtsfelds materialisiert. Es ist grau, von diffuser Form und bewegt sich wie ein Mensch, macht jedoch keinerlei Geräusch. Mit Entsetzen dreht Vic langsam den Kopf in diese Richtung. Die Erscheinung verblasst und verschwindet. Eindeutig zu viele Überstunden, höchste Zeit nach Hause zu gehen!

Aber es passiert wieder. Diesmal nutzt Vic die Werkstatt schon früh morgens, noch vor Arbeitsbeginn. Er bereitet sich auf ein Fecht-Turnier vor und möchte dafür seinen Degen modifizieren. Mit Hilfe der Schraubzwinge am Arbeitsplatz sollte das schnell gemacht sein. Nachdem er die Sportwaffe dort eingespannt hat macht er sich auf die Suche nach einem geeigneten Werkzeug – und findet den Degen wild zitternd vor, als er zurückkehrt. Zusammen mit der lebhaften Erinnerung an jene gespenstische Erscheinung ist er zutiefst geschockt. Doch dann setzt sich sein wissenschaftlich-analytischer Charakter durch. So etwas hat er schon einmal gesehen: Ein Stück Metal, das wie von Geisterhand anfängt zu vibrieren… Irgendwoher muss die Energie dafür kommen. Und zwar in Impulsen, die eine Resonanz auslösen und die zitternde Bewegung verursachen. Diese Beschreibung ist typisch für eine bestimmte Form von Energie: Schall. Aber Vic kann nichts hören.

horrorNun ist der Entdeckergeist geweckt. Auf einem Tisch mit Rollen wird der eingespannte Degen durch die Werkstatt geschoben. In der Mitte ist die rätselhafte Vibration am stärksten, an den Wänden hört sie ganz auf. Offensichtlich teilen Vic und seine Kollegen die Werkstatt mit einer stehenden Schallwelle! Die räumliche Beschaffenheit dieses Orts sorgt nämlich dafür, dass sie sich nicht ausbreiten kann, sondern vollständig von den Wänden reflektiert wird und sich in der Mitte des länglichen Raums selbst verstärkt. Die genaue Frequenz lässt sich anhand dieser Erkenntnis leicht berechnen. Sie beträgt 18,98 Hz, knapp unter der menschlichen Hörschwelle von 20 Hz. Wenig später ist auch die Ursache gefunden. Am Ende der Werkstatt wurde vor kurzem ein neuer Lüfter installiert, der scheinbar geräuschlos läuft. Er ist auch für den Titel verantwortlich, unter dem Vic Tandy seinen ausführlichen Bericht verfasst: The Ghost in the Machine – Der Geist in der Maschine.
Die Maschine wird geringfügig umgebaut – und der Spuk ist vorbei. Kein Zittern mehr im eingespannten Degen und auch die unheimliche Atmosphäre, welche übrigens verschiedene Mitarbeiter bemerkt hatten, ist verschwunden. Nicht verschwunden ist dagegen Vics Neugier. Bei Recherchen in wissenschaftlicher Literatur findet er viele Hinweise darauf, dass so etwas wie eine Frequenz der Angst existiert. So waren sich schon in den 70er Jahren Angestellte und Geschäftsführung einer Fabrik einig: Es herrscht eigenartig bedrückende Atmosphäre. Schallmessungen zeigten hier erhöhte Aktivität im untersten Frequenzspektrum, aber erst nach einem Umbau im Belüftungssystem änderte sich die Situation. Und an einer Universität weigerten sich Mitarbeiter, ein gewisses Labor zu betreten: Sie sprachen von starken Gefühlen der Niedergeschlagenheit und Benommenheit an diesem Ort. Allerdings nur, wenn ein fürs menschliche Ohr sehr gut gedämpfte Lüfter lief. In einem Bericht der NASA stößt Vic Tandy schließlich auf die Information, dass Schall um die 18 Hz im menschlichen Augapfel eine Resonanz auslöst – was wiederum “verschwommene Sicht” verursachen kann. All dies deutet eindeutig darauf hin, dass die als Infraschall bezeichneten Frequenzen unterhalb von 20 Hz einen direkten Einfluss auf den menschlichen Geist und Körper haben.

Das bestätigt auch ein Experiment, welches 2003 in Großbritannien stattfindet. Im Rahmen eines Konzerts erleben die etwa 700 Besucher während einiger Musikstücke speziell erzeugte 17 Hz Infraschallwellen. Anschließend wird das Publikum befragt. Ein bedeutender Teil gibt an, während der mit Infraschall vermischten Darbietungen starke Gefühle der Unruhe, Nervosität und Angst erlebt zu haben, begleitet von Kältegefühlen und einem merkwürdigen Druck auf der Brust.

Infraschall könnte nicht nur eine gute Erklärung für paranormale Phänomene sein. Auch wird vermutet, dass Elefanten, Giraffen und Blauwale diese Frequenzen zur Kommunikation über weite Distanzen nutzen. Die Tatsache, dass Tiere von der Küste fliehen, schon bevor der Mensch einen herannahenden Tsunami bemerkt, wird mit Infraschall in Verbindung gebracht. Ebenso das furchteinflößende Brüllen des Tigers und die in der Alpenregion von einigen Menschen erlebten Föhnbeschwerden. In Form von Schall-Kanonen wird Infraschall auch schon gezielt eingesetzt – gegen Piraten und im Park herumlungernde Teenager. Demnächst auch im Bereich der Musikproduktion? Das würde gewissen Dark-Produktionen den ultimativen Mordor-Vibe verleihen! Sind verschiedene Infraschall-Frequenzen der Grund dafür, dass die einen bei Hamburg Proggi das große Grauen kriegen, und andere bei Hardcore HiTech? Gute Studio-Subwoofer kommen immerhin bis 19 Hz. Aber z.B. der berühmt-berüchtigte InfraBass von Funktion One “nur” bis 20 Hz. Ein neuer Zweig für die Anlagen-Industrie? Wir werden sehen… nein, hören… nein: Angst haben!


Roberdo Raval