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Dieser Artikel erschien erstmals und in voller Version in “Lucy’s Rausch Nr.4”. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Nachtschatten Verlages. Übersetzung des gekürzten Textes vom mushroom

Lucy´s Rausch bei Nachtschatten Verlag Website

Zwischen gesellschaftlicher Revolution und psychedelischer Unterhaltung

Im Spannungsfeld zwischen hedonistischem Lebensstil einer zeitweiligen Utopie und einem auf Dauer untauglichen Zukunftsmodell für die menschliche Gesellschaft

boom-circleEs gab eine Zeit, da war der Besuch eines Psytrance-Festivals ein Wochenend-Trip in die Weiten des psychedelischen Weltraums, ein vorübergehender Ausstieg aus dem Alltagsgrau. Zurück kam man in einem wundersamen Zustand der verkaterten Zufriedenheit. Das hat sich im Laufe der letzten Jahre geändert. Heile Welt auf Zeit war gestern – heute steht nachhaltige Veränderung auf dem Programm.
[…] Ein klassisches Psytrance-Open-Air ließ sich grob gesagt auf «Tanzmusik + Dekoration + Chill Out / Chaishop» zusammenkürzen. Diese Formel ist auf dem Weg zu den Transformational Festivals komplexer geworden. Dabei sind vor allem drei Faktoren zu beobachten:

1. Musik und Tanz sind zwar weiterhin ein zentraler Bestandteil von Transformational Festivals, jedoch nicht länger der einzige. Psychedelische Inspiration wird durch ein breites Spektrum von Rhythmus und Melodie vermittelt, aber auch durch systematische körperliche und geistige Übungen wie etwa Yoga und Meditation, durch Vorträge und Diskussionen, durch Theater und bildende Kunst.

2. Auf Transformational Festivals wird nachhaltig gefeiert […]
3. Den wundersamen Dingen, die sich beim Herumhüpfen auf der Tanzfläche im Oberstübchen abspielen, wird weltveränderndes Potential beigemessen. […] Bis vor etwa zehn Jahren waren diese Praktiken auf Festivals weitgehend Privatsache, ein Special-Interest-Ding. Heute nehmen sie immer mehr Platz im Geschehen ein: Sogenannte «Healing Areas» haben auf Transformational Festivals eine Infrastruktur, die den Dancefloors in nichts nachsteht. Das Angebot von Yoga- und Meditationstechniken über Massagen und Klangschalentherapie bis hin zu Schwitzhüttenritualen findet großen Zuspruch. Das Gleiche gilt für ein umfangreiches Programm von Vorträgen und Workshops zu gesellschaftstheoretischen, esoterischen und ökologischen Themen. Ziel: Wieder mehr in Harmonie mit dem Planeten lebe. […]
Kein Wunder, dass auch die Öko-Bewegung ein zentraler Bestandteil von Transformational Festivals ist. Einerseits haben sie den Anspruch, an und für sich möglichst ökologisch zu sein. Andererseits soll nachhaltiges Leben hier im Modellversuch interaktiv erfahrbar gemacht werden – als Inspiration für eine bessere Welt. Von Mülltrennung und Recycling über Kompost-Klos und erneuerbare Energien bis hin zu fair gehandeltem Kaffee und Bio-Futter in der Fressmeile ist alles auf Nachhaltigkeit getrimmt.
Zuletzt ist da noch die Musik. Der kollektiven Ekstase auf der Tanzfläche eines Transformational Festivals wird ein neues, radikales Potential beigemessen. Die Trance-Tanz-Erfahrung und das Gefühl der Einheit werden als Inspirationsquelle für eine utopische Gesellschaft gehandelt.

Was bleibt vom Fest?

Sich als Keimzelle für gesellschaftliche Veränderung verstehen […] kann nur der Anfang sein. Denn wenn man den erklärten Anspruch hat, eine neue Weltordnung herbeizuführen, dann muss sie sich auch jenseits des Veranstaltungszeitraums manifestieren. Auf Worte müssen Taten folgen. Oder, wie es der auf Transformational Festivals ikonenhaft verehrte Albert Hofmann trefflich formulierte: «Wir können uns nicht nur in der geistigen Welt bewegen, denn im Alltag müssen wir uns wieder mit der materiellen Welt befassen.» Irgendwann ist es also an der Zeit, das Zelt zusammenzupacken, nach Hause zu gehen und Ernst zu machen mit der neuen Welt. Es stellt sich die Frage: Wo ist die Transformation, die Veränderung?

bio-wcIm Mikrokosmos des Boom Festivals hat tatsächlich eine beachtliche Evolution in Richtung «Neue Welt» stattgefunden, zumal was den Aspekt der Nachhaltigkeit betrifft. Mit deutlich mehr als 30 000 Besuchern hat die Boom die Größe einer Kleinstadt. Trotzdem gelingt es ihr, das gesamte Abwasser aus Duschen und Küchen ganz ohne Chemie und mit minimalem Energieaufwand zu reinigen. […] Und was den Umgang mit Fäkalien angeht, hat das Festival einen wahren Boom ausgelöst. Als im Jahre 2006 die ersten Kompost-Klos aufgestellt wurden, wirkte das wie eine Öko-Kunstinstallation. Zehn Jahre später hat das System die klassischen Chemie-Klos vollständig ersetzt.

Überraschenderweise stinken die Kompost-Klos deutlich weniger, sie bieten mehr Komfort, bessere Belüftung und sehen obendrein noch besser aus. Mittlerweile sind sie auf Festivals überall auf der Welt zu finden, und zumindest im Psytrance-Bereich fungierte die Boom hier wohl tatsächlich als Inspirationsquelle für eine bessere Welt. […] Trotzdem muss sich die Boom einer gewissen Öko-Kritik stellen. Zehntausende Besucher reisen aus buchstäblich allen Ecken der Welt an, sehr viele von ihnen mit dem Flugzeug, und sie verursachen dadurch einen CO2-Ausstoß von gewaltigem Ausmaß. Ein angemessener Preis für die weltverändernde Inspiration […]? Die weite Anreise trägt nicht nur aktiv zur Erderwärmung bei, sie kostet auch Geld – und das will bekanntlich verdient sein. Das führt uns zu einer interessanten Frage: Wer sind die Menschen, die sich auf Transformational Festivals versammeln und dort neue Gesellschaftsmodelle und alternative Lebensformen ausprobieren? […]

healing area at a transformational festivalAuf dem Burning-Man-Festival in den USA sind sie zu 90 Prozent weiß. Das Spektakel in der Wüste von Nevada zieht mehr Menschen mit einem Jahresgehalt von über 300 000 US-Dollar an als Schwarze…die Burning Men sind die, die es sich leisten können. In ihrer soziologischen Struktur spiegeln sich die Tücken jener kapitalistisch-konsumorientierten Gesellschaft wider, zu der sich Transformational Festivals ja eigentlich als Gegenkultur verstehen. Nun ist das Burning Man allerdings auch kein Transformational Festival.

Das Fusion Festival setzt in Sachen gesellschaftliche Veränderung auf eine Doppelstrategie. Obwohl das Freiluftvergnügen unter dem deutlich politisch angehauchten Motto «Ferienkommunismus» stattfindet, dreht sich die Veranstaltung in erster Linie um Kultur. Mit einem extrem breit gefächerten und avantgardistischen Programm, in dem Psytrance übrigens nur einen Bruchteil ausmacht, möchte sie in erster Linie eine Alternative zur kommerzialisierten Mainstream-Kultur bieten. Der Transformations-Aspekt verbirgt sich im Hintergrund: Die Fusion wird vom Kulturkosmos e.V. veranstaltet, gesellschaftliche Veränderung wird durch Projekte […] vorangetrieben. Das Engagement erstreckt sich beispielsweise auf Jugendcamps und Schulprojekte, die Toleranz und Weltoffenheit fördern sollen. Außerdem gibt es einen Fonds, der explizit «zum Support und Erhalt von linken Strukturen und Projekten» genutzt wird.

Zwischen Revolution und Unterhaltung

fusion-muellsackWährend des Festivals sieht sich die Fusion allerdings auch mit brachialer Konsumkultur konfrontiert – und mit den daraus folgenden Problemen. Die Müllberge am Sonntag sind berühmt-berüchtigt, viele Tanzflächen und das Camping erinnern nach dem Festival an eine Müllkippe. Das ist es, was von jener «Gesellschaft der ganz speziellen Art» zurückbleibt, von der auf der Fusion-Website die Rede ist.

Auch wenn es sich natürlich nicht um ein alleiniges Problem dieses Festivals handelt, zeigt sich hier doch eine grimmige Wirklichkeit. Was nützt den Menschen Weltoffenheit und Toleranz, wenn ihr natürlicher Lebensraum im eigenen Müll untergeht? Unabhängige Kultur ist großartig – aber wo genau ist hier der Unterschied zum unkritischen Massenkonsum eines Mainstream-Events?

Ein kritischer Blick aufs Geschehen von Transformational Festivals offenbart zwei gegensätzliche Aspekte. Einerseits sind sie durchaus revolutionär […]. Wenn es einem internationalen Festival gelingt, seinen ökologischen Fußabdruck beträchtlich zu verkleinern, dann ist das zweifelsohne ein konkreter Schritt in Richtung einer besseren Welt. Das gleiche gilt für die Investition von Festivaleinnahmen in soziale oder politische Projekte. Auch die aktive Förderung von Techniken wie Yoga und Meditation ist positiv zu vermerken, denn sie schafft zumindest prinzipiell die Grundlage für eine neue Gesellschaft: ein Individuum, das im inneren Frieden mit sich selbst lebt. […]. [Es] zeigt sich, dass es den Transformational Festivals nicht gelingt, sich der globalen Konsum- und Fortschrittskultur zu entziehen, welche die Entwicklung unseres Planeten bestimmt. Darüber kann auch das großartige Gefühl der erlebten Einheit mit dem Universum auf der Tanzfläche nicht hinwegtäuschen. Der Lebensstil des meditierenden Psytrance-Yogis, der glücklich und zufrieden in alle Ecken der Welt reist, um dort Teil einer utopischen Gesellschaft zu sein, mag romantisch und für den geneigten Psychonauten absolut erstrebenswert sein. Ein realistisches Zukunftsmodell für die menschliche Gesellschaft ist er jedoch nicht.
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(gekürzte Fassung, Original erschienen in Lucy’s Rausch #4)