Backstage, Teil 3: Murphy’s Law

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Heute möchte ich über einen klassischen Konflikt der Menschheit schreiben, der uns Artists fast jedes Wochenende zu schaffen macht: Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Oder, anders ausgedrückt: Wie die Dinge laufen sollten und wie sie tatsächlich laufen. Letztendlich ist das in unseren Verträgen klar und deutlich geregelt. Alles paletti also – sollte man meinen…

Ihr glaubt nicht wie oft es vorkommt, dass ein Veranstalter es einfach nicht gebacken kriegt, meinen Flug zu buchen. Das Booking ist normalerweise schon viele Monate vor dem Event unter Dach und Fach, der Vertrag unterzeichnet. Da sollte man doch meinen, dass ein Veranstalter möglichst schnell den Flug organisiert. Ist ja mit Vorlauf viel ökonomischer. Ist aber oft nicht so. Eine Woche vor dem Gig macht meine Agentur dann Druck, telefoniert hinterher. Und dann kommt auf den letzten Drücker mein Flugticket – natürlich viel teurer als es hätte sein müssen. Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Kohle auf diese Weise verschwendet wird. Aber mir soll es egal sein, in meinem Vertrag steht ja pauschal “plus Reisekosten”.

Am Flughafen angekommen muss man dann auch gerne mal ein bisschen auf die vereinbarte Abholung warten. Letzten Sommer tauchten fast eine Stunde zu spät zwei gehetzt aussehende Herrschaften mit ungewöhnlich großen, wachen Augen auf. Sie brabbelten immer wieder etwas von “falschem Terminal”, bevor sie anfingen sich gegenseitig mit Äußerungen wie “In [Ortsname] stehen überall die Bullen, die ziehen dich auf jeden Fall raus!” anzuschreien. Die paranoide Stimmung im Auto erreichte ihren Tiefpunkt als wir tatsächlich von einer Polizeistreifen angehalten wurden. Offenbar hatte der Fahrer was gemacht, womit sie nicht einverstanden waren… ich hätte meinen Gig um ein Haar verpasst. Dann ist da die Technik vor Ort. Wie einige von euch wissen, sind die neuesten Medien-Player und Mixer so speziell, dass selbst DJs mittlerweile einen Technical Rider abgeben, indem sie genau sagen, was auf der Bühne zu stehen hat. Z.B. “2x Pioneer CDJ-2000 NXS2 + 1x Pioneer DJ-900 NXS2.” Die “2” am Ende der Modellnummer ist extrem wichtig, weil nur dieses Gerät z.B. einen bestimmten Soundeffekt hat. Oft kommt man aber an und es steht komplett andere Technik auf der Bühne. Einige machen dann einen auf Diva bis sie alles ausgereizt haben und feststeht, dass es nichts anderes gibt. Andere können dann wirklich nicht performen. Ich habe schon mitbekommen, dass ein Kollege sein DJ Set absagte, weil auf den Geräten nicht die neuste Firmware aufgespielt war. Ich selbst stand auf einem recht großen Festival mal mit meinen USB Sticks vor einem abgeranzten CDJ-800 – das Ding hat gar keinen USB Anschluss.

Natürlich sind wir Künstler auch keineswegs Engel, wenn es ums Thema “Theorie und Praxis vor, nach und während eines Auftritts” geht. Hier ein paar Anekdoten. Ein verdammt angesagter Kollege weigerte sich vor einigen Jahren auf einem genialen, jedoch leider sehr schlecht besuchten Festival aufzulegen, weil auf dem Dancefloor nicht mindestens 1000 Leute waren. Während des Auftritts eines nicht minder bekannten Duos brach einer der Beiden mitten während des Sets zusammen – er hat es sich einfach zu hart gegeben. Ein anderer Kollege war auf einer Club-Party in Berlin schon Stunden vor einem Gig so besoffen, dass er spontan in eine sitzende Menschengruppe fiel. Daraufhin sollte er von den Türstehern rausgeschmissen werden, lallte jedoch immer wieder “ihr könnt mich nicht rausschmeißen – ich bin DJ!”. Und unglaublicherweise spielte er sein Set dann noch. Ich würde jetzt gerne auch noch ein paar Zeilen zum Thema Zahlungsmoral schreiben und wie auf jenem gewissen Festival ein paar Artists Equipment einsackten, weil der offensichtlich zahlungsunfähige Veranstalter das Gelände verlassen hatte… aber dafür ist jetzt leider kein Platz mehr!

Mehr Platz ist dann in der nächsten Ausgabe, in der du noch ein letztes Mal tiefe Einblicke in die Welt unseres Undercover Agenten mit dem Decknamen DJ Whistle Smoker genießen kannst. Vielleicht können wir Ihn ja überzeugen, dass er sich zu erkennen gibt.
Du darfst also gespannt sein.

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Backstage, part 4: It all sounds the same!

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